1Was die DIN 77235 ist und was sie nicht ist
Die DIN 77235 ist die Norm für die Basis-Finanzanalyse von Selbstständigen, Freiberuflern und kleinen bis mittleren Unternehmen, veröffentlicht im Oktober 2021. Sie ist das betriebliche Gegenstück zur DIN 77230, die dasselbe für Privathaushalte regelt. Beide Normen entstanden mit Verbraucherverbänden, Wissenschaft und Branche am Tisch, und beide beantworten dieselbe Frage: In welcher Reihenfolge gehören Risiken angeschaut, bevor irgendjemand über ein Produkt spricht?
Dafür zerlegt die Norm ein Unternehmen in 52 Finanzthemen, nummeriert von A.1 bis A.52 und sortiert in fünf Themenfelder: Haftung, Menschen im Unternehmen, Liquidität und Währung, Verlust oder Beschädigung von Sachwerten sowie Recht. Ein Basisblock gilt für jeden Betrieb, weitere Blöcke schalten sich nur zu, wenn sie zutreffen: Kapitalgesellschaft, Mitarbeiter, Immobilien, Fahrzeuge, Waren, Auslandsgeschäft. Jedes Thema trägt eine Prioritätsklasse.
| Klasse | Bedeutung | Beispiele |
|---|
| Priorität 1 | Existenzbedrohend, bei jedem Unternehmen zuerst zu klären | Betriebliche Haftung (A.1), Vermögensschadenhaftung (A.2), Betriebsunterbrechung (A.13), Gebäude (A.40), Fahrzeug-Haftung (A.44) |
| Priorität 2 | Wichtig, sobald die Basis steht | D&O (A.31), Unterstützungskasse (A.36), Sicherheitseinbehalte (A.17) |
| Priorität 3 | Situativ, abhängig von Größe und Geschäftsmodell | Anlage von Liquiditätsüberschüssen (A.16), Arbeitsrecht (A.38), Vermieter-Rechtsschutz (A.43) |
| U | Nur unternehmensindividuell relevant, wird im Gespräch einsortiert | Viele Themen der Blöcke Liquidität, Sachwerte und Waren |
Prioritätsklassen laut Matrix der Finanzthemen zur DIN 77235. Bei vielen Themen hängt die Klasse von der Situation ab (1 bis 3 oder U).
Was die Norm nicht tut: Sie schreibt keine Produkte, keine Anbieter und keine Versicherungssummen vor. Die Summen, die du weiter unten liest (10 Mio. Euro Haftpflicht, 500.000 Euro Rechtsschutz), sind gelebte Beratungspraxis, nicht Normtext. Und: Unsere Beratung orientiert sich an der DIN 77235, sie ist kein zertifiziertes Verfahren nach DIN. Die Zertifizierung vergibt ausschließlich die DEFINO Institut für Finanznorm AG.
2Versicherung oder Rücklage: die Entscheidung, die eine unabhängige Beratung ausmacht
Das ist der Teil der Norm, den kaum jemand kennt, und der Grund, warum wir sie benutzen. Bei fast jedem Finanzthema gibt es zwei zulässige Antworten: eine Versicherung oder zweckgebundenes liquides Vermögen in definierter Höhe. Ein Betrieb mit 400.000 Euro auf dem Geschäftskonto braucht keine Glasversicherung. Derselbe Betrieb braucht sehr wohl eine Betriebshaftpflicht, weil kein Kontostand einen Personenschaden in Millionenhöhe trägt. Die Norm zwingt dazu, das Thema für Thema durchzurechnen.
Versicherung
Sinnvoll, wenn der Schaden das Eigenkapital übersteigen kann oder die Eintrittswahrscheinlichkeit nicht kalkulierbar ist: Haftung, Feuer, Betriebsunterbrechung, Cyber, Kfz-Haftpflicht.
ODER
Zweckgebundene Rücklage
Sinnvoll, wenn der maximale Schaden bezifferbar ist und der Betrieb ihn aus laufender Liquidität trägt: Glas, kleinere Elektronik, Vollkasko für ältere Fahrzeuge, Teile des Forderungsausfalls.
Die Rechenregeln, mit denen wir die Rücklage bemessen
| Thema | Regel für die Eigendeckung |
|---|
| Statische Liquidität (A.10) | Liquidität 1. und 2. Grades jeweils mindestens 1, also liquide Mittel plus offene Forderungen decken die kurzfristigen Verbindlichkeiten |
| Dynamische Liquidität (A.11) | Liquide Mittel plus nicht ausgeschöpfte Banklinien reichen für 2, 4 oder 6 Monate Fixkosten, je nach Risikoprofil |
| Forderungsausfall (A.12) | Rücklage in Höhe der offenen Forderungen der fünf größten Kunden, sonst Versicherung oder Forderungsabtretung |
| Betriebsunterbrechung (A.13) | Monatliche Fixkosten mal geschätzte Dauer des Stillstands in Monaten |
| Anlage von Überschüssen (A.16) | Erst anlegen, wenn die Liquidität über dem Schwellenwert liegt: kurzfristige Verbindlichkeiten mal 1,2 oder Jahresumsatz mal 0,1, je nachdem, was höher ist |
| Montage, Transport, Ausstellung (A.23, A.46 bis A.48) | 50 Prozent der fünf größten Aufträge beziehungsweise des maximalen Wiederbeschaffungswerts, bei niedriger Priorität 20 Prozent |
| D&O (A.31) | Versicherungssumme mindestens 500.000 Euro oder 20 Prozent der Bilanzsumme, je nachdem, was höher ist |
| Nachfolge und Fremdgeschäftsführer (A.37) | Finanzierungsbedarf: Jahresvergütung mal zwei Drittel der Einarbeitungszeit, gedeckt aus Jahresgewinn und Rücklage |
| Mietausfall (A.39) | 50 Prozent der Bruttojahresmiete, bei niedriger Priorität 20 Prozent |
| Zahlungsverkehr (A.32) | Eigenes Geschäftskonto und mindestens 80 Prozent der Zahlungen digital abgewickelt |
Regeln aus unserer Firmenanalyse-Matrix. Es sind Faustregeln für das Beratungsgespräch, keine Normvorgaben; im Einzelfall entscheiden Bilanz, Branche und Risikoneigung.
Warum das für dich als Geschäftsführer zählt: Ein Vertreter verdient an jeder Police. Wir verdienen auch an Policen, aber die Norm zwingt uns, vorher aufzuschreiben, welche Risiken dein Betrieb selbst tragen kann. Das Ergebnis steht in deiner Beratungsdokumentation, mit Zahl und Begründung, und es ist der Maßstab, an dem du uns jedes Jahr messen kannst.